Tunesienexplorer.de

Tunesienexplorer.de

News rund um Tunesien

ArchäologieFeatured

Tanit, die phönizische Göttin, ist in Tunesien weiterhin präsent

Es gibt ein Zeichen, das die tunesische Geschichte mehr prägt als viele Dynastien, mehr als viele Eroberungen, mehr als Karthago selbst, das nach der Zerstörung durch die Römer im Jahr 146 v. Chr. in der Erinnerung weiterlebt. Es ist ein Dreieck (oder eine Trapezform) mit einem waagerechten Balken darüber, auf dem eine kreisrunde Scheibe ruht.

Das Zeichen bildet abstrakt eine weibliche Figur mit erhobenen oder ausgebreiteten Armen ab. Es findet sich auf unzähligen antiken Grabstelen, Münzen und Mosaiken von Nordafrika über Sizilien bis nach Spanien. Für das heutige Tunesien ist es eine diskrete, aber beständige Präsenz: auf Stelen in Museen, in Kunsthandwerksläden, auf Silberanhängern, in grafischen Neuinterpretationen, die die antike punische Gottheit in ein kulturelles und identitätsstiftendes Emblem verwandeln.

Tanit war die höchste karthagische Göttin sowie die Schutzpatronin der antiken Stadt Karthago im heutigen Tunesien. Als Himmelskönigin, Mondgöttin und Gottheit der Fruchtbarkeit, des Krieges sowie der Schöpfung lenkte sie über Jahrhunderte hinweg das Schicksal des punischen Kulturraums im westlichen Mittelmeer. Als Hauptgöttin Karthagos stand sie im punischen Pantheon an der Spitze, oft gemeinsam mit ihrem Gemahl Baal Hammon. Tanit sicherte das Leben, das Wachstum der Ernten und galt als nährende Muttergottheit. Als kosmische Herrscherin steuerte sie Zyklen und wurde mit dem Mondlicht assoziiert. Sie verteidigte ihre Städte und Krieger in Schlachten.

Die in Karthago und an anderen punischen Stätten gefundenen Votivgaben nennen sie „Herrin Tanit“, eine Formulierung, die auf ihren Rang, ihr Ansehen und ihre schützende Rolle hindeutet. Als Muttergöttin, Fruchtbarkeitsgöttin, himmlische und vielleicht auch mondbezogene Gestalt vereinte Tanit verschiedene Funktionen in sich: die Stadt zu beschützen, Fruchtbarkeit zu gewährleisten und über die Übergänge von Leben und Tod zu wachen. Gerade diese Vielfältigkeit macht sie zu einer der rätselhaftesten Figuren des antiken Mittelmeerraums.

Im Gegensatz zu den griechischen und römischen Gottheiten, von denen Dichter, Historiker und Mythographen berichten, hat Tanit kein ebenso reichhaltiges erzählerisches Werk hinterlassen. Wir kennen sie vor allem durch Inschriften, Stelen, Votivgegenstände, Münzen und Fundstücke, die über Tunesien, Algerien, Sardinien, Sizilien, Ibiza und große europäische Museen verstreut sind. Ihr Bild ist kein einheitliches Gesicht, sondern ein System von Symbolen: das Dreieck, die horizontale Linie, die Scheibe, der Halbmond, die stilisierten Arme. Eine essentielle, fast abstrakte Sprache, die ihr visuelles Fortbestehen begünstigt hat.

An der archäologischen Stätte von Karthago, heute UNESCO-Weltkulturerbe, taucht der Name Tanit vor allem im Zusammenhang mit dem Tophet wieder auf, einem heiligen Begräbnisgebiet im Stadtteil Salammbô, nahe den antiken punischen Häfen. Hier wurden Urnen, Gedenksteine und Stelen mit Widmungen an Tanit und Baal Hammon gefunden.
Es ist einer der umstrittensten Orte der mediterranen Archäologie. Für einige Wissenschaftler steht der Tophet im Zusammenhang mit Kinderopfern, an die auch karthagofeindliche griechisch-römische Quellen erinnern. Für andere enthalten die Urnen vor allem Überreste von Kindern, die vor oder unmittelbar nach der Geburt starben und aus religiösen und rituellen Gründen in einem gesonderten Bereich beigesetzt wurden.
Vorsicht ist weiterhin geboten: Das Thema ist voller historischer, moralischer und propagandistischer Implikationen, und die antiken Quellen wurden oft von Feinden der punischen Stadt verfasst.

Unabhängig von der Debatte zeigt das Tophet, wie tief Tanit im religiösen Leben Karthagos verwurzelt war. Sie war keine Randfigur, sondern eine öffentliche und vertraute, städtische und kosmische Gottheit, verbunden mit dem Schutz der Gemeinschaft und der Hoffnung auf Beständigkeit. Ihre Präsenz auf den Votivstelen deutet auf eine direkte Beziehung zwischen Gläubigen und Gottheit hin: Opfergaben, Gebete, Bitten um Gunst, Danksagungen. In dieser Dimension gehörte Tanit nicht nur den Tempeln an, sondern dem Alltag einer am Meer gelegenen Handelsstadt, einem Knotenpunkt von Sprachen, Waren, Glaubensvorstellungen und Mächten.

Der Untergang Karthagos löschte diese symbolische Welt nicht vollständig aus. Rom zerstörte zwar die politische Macht Karthagos, baute die Stadt dann als Kolonie und römisches Zentrum von Prokonsular-Afrika wieder auf, doch die Formen der punischen Religiosität setzten sich weiter fest, wandelten sich und verschmolzen mit anderen Kulten.

Goldmünze der Tanit, hergestellt 255-241 v. Chr. in Carthage. Gewicht: 10,27g. Bild erzeugt mit ChatGPTVorderseite: Kopf der Tanit nach links mit Ährenkranz, Ohrgehänge und Halsband. Rückseite: Pferd steht nach rechts, darüber Sonnenscheibe mit zwei Uräusschlangen. Bild: CC0 @ Museum August Kestner - Verzicht auf alle Rechte.
Goldmünze der Tanit, hergestellt 255-241 v. Chr. in Carthage. Gewicht: 10,27g. Bild erzeugt mit ChatGPT
Vorderseite: Kopf der Tanit nach links mit Ährenkranz, Ohrgehänge und Halsband. Rückseite: Pferd steht nach rechts, darüber Sonnenscheibe mit zwei Uräusschlangen. Bild: CC0 @ Museum August Kestner – Verzicht auf alle Rechte.

In Nordafrika verschwanden viele alte Bräuche nicht abrupt: Sie änderten ihren Namen, ihren Kontext, ihre Begründung; die tunesische Tradition überliefert beispielsweise „Omek Tannou“, die „Mutter Tannou“, die in einigen ländlichen Ritualen angerufen wird, um Regen zu erbitten. Die direkte Verbindung zu Tanit ist mit Vorsicht zu betrachten, doch die Ähnlichkeit des Namens und die mütterliche sowie beschwörende Funktion zeigen, wie das Volksgedächtnis sehr alte Spuren bewahren und neu gestalten kann. Hier wird Tanit zu einer mediterranen Geschichte, nicht nur zu einem archäologischen Thema.

Ihre Gestalt verbindet Karthago und das moderne Tunesien, das Heilige und das Handwerk, das Museum und die Medina, die wissenschaftliche Forschung und die Folklore. Ihr Zeichen, das heute oft als Symbol für Schutz, Weiblichkeit, Verwurzelung und tunesische Identität neu interpretiert wird, hat zwar seine ursprüngliche kultische Bedeutung verloren, aber nicht seine evokative Kraft. In einer Region, in der sich Zivilisationen überlagert haben, ohne sich jemals ganz zu verdrängen, erinnert Tanit daran, dass Erinnerung nicht nur durch Texte weiterlebt, sondern auch durch Formen, Gesten, Amulette, Namen und Bilder.

Die Göttin von Karthago überlebt, weil sie nicht in den Ruinen gefangen geblieben ist. Sie hat den Weg vom Votivstein zum Schmuckstück, von der punischen Inschrift zum zeitgenössischen Design, vom Heiligtum zur touristischen und kulturellen Erzählung zurückgelegt. Auf diesem Weg hat sie aufgehört, ein Kultobjekt zu sein, und ist zu einem Zeichen der Kontinuität geworden.

Regionale Verehrung und Spuren

  • Karthago (Tunesien): Hier lag das Zentrum ihrer Macht. Grabungen im dortigen Tophet brachten viele ihrer Weihestelen ans Licht. Das Symbol prägt bis heute das tunesische Kunsthandwerk.
  • Ibiza (Spanien): Die Karthager brachten den Kult auf die Baleareninsel. Die Höhle Es Culleram im Nordosten Ibizas entwickelte sich zu ihrem größten Insel-Heiligtum, in dem Hunderte Terrakotta-Figuren gefunden wurden.
  • Kulturelles Erbe: Nach der Zerstörung Karthagos durch die Römer wurde Tanit in Nordafrika unter dem Namen Juno Caelestis weiterverehrt.

Titelbild (Ausschnitt): Stele mit Tanit-Symbol im Tophet von Karthago (mit KI optimiert)

Quelle(n): Ansamed | Wikipedia | Google KI