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Cash vs. Mobile Money: Kann Tunesien seine Zahlungssysteme endlich modernisieren?

Obwohl Tunesien historisch stärker in das Bankensystem integriert ist ist als viele seiner Nachbarn in Subsahara-Afrika, liegt es bei der Einführung von “Mobile Money” zurück. Mobile Zahlungen stecken dort noch immer in den Kinderschuhen und berauben das Land eines wichtigen Wachstumsmotors. Dies geht aus einer Analyse hervor, die am Freitag, den 13. März 2026, von der Association des économistes tunisiens (ASECTU) veröffentlicht wurde.

Laut der von der Ökonomin Chedlia Farhat erarbeiteten Analyse mit dem Titel „Tunisie Digitale 2030: auf dem Weg zu einer universellen finanziellen Inklusion“ zeigt die Erfahrung mit Mobile Money in Subsahara-Afrika, dass ein technologischer Sprung möglich ist – mit erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen (in einigen Ländern bis zu +9% des BIP).

In Tunesien verfügen trotz solider Bankrentabilität und einer mobilen Durchdringungsrate von über 80% nur 36% der Tunesier über ein formelles Bankkonto, sodass fast zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung außerhalb des Finanzsystems bleiben.

Tatsächlich, so betont das Dokument weiter, stagniert die Bankarisierung1 in Tunesien seit einem Jahrzehnt: Die im Jahr 2021 verzeichnete Quote von 36% steht im Kontrast zu mehr als 70% in Marokko und Ägypten. Diese Lücke beraubt einen großen Teil der Jugendlichen, Frauen und Haushalte der Möglichkeiten für Kredit, Sparen und Versicherung, und sie wiegt in ländlichen Gebieten noch schwerer.

Parallel dazu erhöht der Rückgang multilateraler Finanzierungen um 15% seit 2022 den Druck auf nationale Ressourcen. In diesem Kontext wird es entscheidend, inländische Liquidität zu mobilisieren, insbesondere informelle Ersparnisse, um die Realwirtschaft zu finanzieren. Die gute Nachricht ist, dass Tunesien bereits über eine solide digitale Infrastruktur verfügt: Das 4G-Netz deckt 95% des Territoriums ab, und mehr als 80% der Tunesier besitzen ein Smartphone oder ein Mobiltelefon. Diese Stärken bilden eine solide Grundlage, um die digitale Transformation des Finanzsektors erfolgreich zu gestalten.

Vor diesem Hintergrund weist die Analyse darauf hin, dass die Entwicklung mobiler Zahlungen ein beträchtliches wirtschaftliches Potenzial für Tunesien haben könnte. Sie könnte bis zu 5 Milliarden Dinar an informellen Ersparnissen mobilisieren, Investitionen anregen und das BIP bis 2030 um nahezu 7% erhöhen.

Allerdings „wurden in Tunesien im Jahr 2024 368.595 aktive mobile Geldbörsen gezählt. Dieses Niveau bleibt im Verhältnis zur mobilen Durchdringung niedrig und zeigt, dass es sich nicht nur um ein technisches Thema handelt: Es geht vor allem um Nutzung, Vertrauen und Zugang. Was diese afrikanischen Erfahrungen für Tunesien sehr konkret zeigen: Eine App zu haben reicht nicht aus.

Die Auslöser kommen vor allem aus drei Hebeln:

  • nützliche Anwendungsfälle im Alltag (Zahlungen, Rechnungen, Überweisungen)
  • physische Zugangspunkte (Agenten, Geschäfte) und
  • klare Regeln zum Schutz der Verbraucher.

In der Westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (UEMOA) erreichten elektronische Geldkonten im Jahr 2023 209 Millionen, und elektronisches Geld macht 56% der finanziellen Inklusion aus.“

Voraussetzungen für die Entwicklung mobiler Zahlungen
Für Tunesien ist das Ziel laut der Autorin der Analyse einfach: die Abhängigkeit von Bargeld verringern, Zahlungen praktischer machen und schrittweise heute wenig nachverfolgbare Geldflüsse erfassen. Dies trägt dazu bei, bestimmte Formen der Informalität (zumindest bei Zahlungen) zu bekämpfen, die Transparenz zu verbessern und kleinen Akteuren dank einer Transaktionshistorie den Zugang zu Krediten zu erleichtern.

Dennoch ist „Mobile Money keine magische Lösung. Eine starke Einführung ‚formalisiert‘ nicht alles von heute auf morgen. In den ersten Jahren dient Mobile Money stark dem informellen Sektor (Kleinhandel, Transport, Dienstleistungen), weil dort das Bargeld zirkuliert“, präzisiert die Analyse weiter.

Daher ist „eine rigorose Umsetzung (Agentennetzwerk, Verbraucherschutz, Interoperabilität, Sicherheit) unerlässlich, um eine nachhaltige Einführung zu gewährleisten. Dieser Weg stellt eine einmalige Gelegenheit dar, gleichzeitig auf drei große Herausforderungen zu reagieren: die geringe Bankarisierung, das Gewicht des informellen Sektors und die Langsamkeit wirtschaftlicher Geldflüsse.

Indem das Land auf mobile Technologie und lokale Fintechs (moderne, technologische Lösungen zur Abwicklung und Verbesserung von Finanzdienstleistungen) setzt, kann es seinen finanziellen Übergang beschleunigen, die wirtschaftliche Autonomie der Haushalte stärken und Investitionen kleiner Unternehmen anregen. Indem Tunesien digitale Finanzen ins Zentrum seiner nationalen Strategie stellt, kann es nicht nur seinen Rückstand aufholen, sondern auch zu einem regionalen Modell für finanzielle Inklusion und Innovation werden.“

Dafür ist jedoch eine strukturelle Reform unerlässlich. „Der Erfolg hängt von der Überarbeitung des regulatorischen Rahmens, einer kontrollierten Öffnung des Marktes, der Schaffung von Fintech-Sandboxes und der Einführung eines interoperablen nationalen Standards für mobile Zahlungen und QR-Codes ab.“

Darüber hinaus ist „institutionelle Führung entscheidend. Diese Transformation erfordert eine starke politische Vision und eine enge Koordination zwischen der Zentralbank, dem Finanzministerium und dem Privatsektor, um fairen Wettbewerb zu gewährleisten und das Vertrauen der Nutzer zu stärken.“

1: Bankarisiert bedeutet, dass Personen oder Haushalte Zugang zu formellen Finanzdienstleistungen (Bankkonto, Zahlungsverkehr) haben. Synonyme und verwandte Begriffe beschreiben diesen Zustand der finanziellen Teilhabe, wie finanziell inkludiert, in das Bankensystem integriert, mit einem Konto ausgestattet oder zugangsberechtigt zu Finanzdienstleistungen. 

Titelbild: Symbolfoto Mobiles Zahlungsterminal (by Pixabay, Flyerwerk)

Quelle: La Presse